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“Ich befürworte einen auf den Menschen ausgerichteten Ansatz der Nachhaltigkeit”

Jannik Schüürmanns Fachwissen umfasst die Bereiche Neurowissenschaften, angewandte Psychologie und Wirtschaftsinformatik. Er ist beim CSCP als Projektmanager tätig, wobei sein Schwerpunkt auf der Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen zur Verhaltensänderung liegt, die nachhaltige Praktiken fördern.

In diesem Interview spricht er über die Momente und Erfahrungen, die seine Karriere und sein Leben geprägt haben, und über die Beweggründe, die seine Arbeit heute antreiben.

Wenn Sie zurückblicken, was hat die ersten Jahre Ihrer beruflichen Laufbahn geprägt?

Nachhaltigkeit war nicht immer der bewusste Antrieb in meinem Leben, zumindest nicht am Anfang. Meine frühe Neugier war viel “praktischer”: Als Teenager nahm ich Computer auseinander, verglich Komponenten und half Leuten in Online-Foren, das richtige Setup zusammenzustellen. Dieses Interesse hat mich natürlich dazu gebracht, Wirtschaftsinformatik zu studieren. Und ehrlich gesagt war auch meine Herkunft ausschlaggebend: Ich bin in einem Arbeitermilieu aufgewachsen, und es war mir wichtig, einen Weg einzuschlagen, der mir Stabilität und eine sichere Zukunft versprach.

Wie hat sich Ihr Interesse von der Technik zu den Menschen entwickelt?

Mit der Zeit verlagerte sich mein Schwerpunkt. Ich war immer noch von der Technik fasziniert, aber weniger von der Hardware selbst als vielmehr von den Menschen, für die sie gebaut wird. Ich fühlte mich zunehmend zu Fragen hingezogen wie: Warum entscheiden Menschen so, wie sie es tun? Was prägt das Verhalten im täglichen Leben? Was macht Veränderungen für die einen möglich und für die anderen überwältigend? In der Beratung bewegte ich mich allmählich weg von IT-Themen und hin zur “menschlichen Seite” der Transformation. Ein besonders prägender Schritt war die Arbeit am neurowissenschaftlichen Institut, wo ich hautnah mitbekam, wie stark unsere Entscheidungen von Kontext, Emotionen und psychologischen Grundbedürfnissen beeinflusst werden. Dabei wurde mir bewusst, wie überraschend einfach wir Menschen oft sind, viel mehr von Instinkten und Grundbedürfnissen getrieben, als wir zugeben wollen.

Gab es einen Moment, der Ihren Weg zur Nachhaltigkeit verdeutlicht hat?

Ja, die größte Veränderung fand nach der Coronavirus-Pandemie statt. In dieser Zeit wurde Raum geschaffen, um innezuhalten und unbequeme, aber wichtige Fragen zu stellen: Was braucht die Welt eigentlich gerade jetzt? Wo kann ich einen Beitrag leisten, der mir sinnvoll erscheint? Gleichzeitig rückten der Klimawandel und die Nachhaltigkeit noch stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit - nicht nur als ein weiteres Thema, sondern als existenzielle Voraussetzung für die Zukunft der Menschheit. Für mich hat diese Mischung Klarheit und Schwung geschaffen: Das ist der Bereich, in den ich meine Energie investieren möchte.

Wie wirken sich diese Erfahrungen auf Ihre heutige Arbeit aus?

Heute führe ich diese Fäden in meiner Forschung zusammen. Ich interessiere mich dafür, wie psychologische Grundbedürfnisse nachhaltige Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen und wie Nachhaltigkeit zu einem relevanten Faktor in täglichen Entscheidungsprozessen werden kann. Nicht nur etwas, dem die Menschen auf dem Papier zustimmen. Die Frage, auf die ich immer wieder zurückkomme, ist einfach: Wie können wir Nachhaltigkeit in reale Entscheidungen einbeziehen, auch in solche, die wir schnell, automatisch und ohne viel Nachdenken treffen?

Wo sehen Sie im Moment die größten Herausforderungen für die Nachhaltigkeit?

Ein Bereich, der uns heute besonders wichtig erscheint, ist der Einfluss der KI auf die Entscheidungsfindung. Werkzeuge wie große Sprachmodelle und zunehmend auch KI-Agenten werden zu alltäglichen Begleitern. Sie prägen, welche Informationen wir sehen, wie wir Probleme wahrnehmen und welche Optionen uns sinnvoll erscheinen. Dieser Einfluss ist enorm, und er ist mit Verantwortung verbunden. Was mich beunruhigt, ist die breitere Richtung, die wir weltweit beobachten: zunehmende autokratische Tendenzen und die wachsende Macht von Tech-Oligarchien über den öffentlichen Diskurs und Entscheidungsräume. Aus europäischer Sicht wirft dies eine sehr praktische Frage auf: Wie finden wir einen Weg nach vorne, der die europäischen Werte wie Demokratie, Menschenwürde und Rechenschaftspflicht schützt, während wir KI in unser tägliches Leben integrieren?

Wie können wir also vorgehen?

Für mich kommen hier Nachhaltigkeit, Psychologie und KI auf sehr konkrete Weise zusammen. Wenn KI zunehmend unsere Entscheidungen mitsteuert, dann kann Nachhaltigkeit kein nachträglicher Gedanke sein. Sie muss in die Art und Weise eingebaut werden, wie Systeme die Entscheidungsfindung unterstützen - damit wir gemeinsam und verantwortungsbewusst auf ein gutes Leben innerhalb der planetarischen Grenzen hinarbeiten können. Ich plädiere für einen auf den Menschen ausgerichteten Ansatz zur Nachhaltigkeit. Dieser Ansatz nimmt die Psychologie ernst, erkennt an, wie sich Menschen wirklich verhalten, und nutzt dieses Wissen, um den Wandel hin zu einem guten Leben für alle zu lenken.

Für weitere Fragen kontaktieren Sie bitte Jannik Schüürmann direkt.

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